
Zum Autor:
Herkus Kunčius, geboren 1965 in Vilnius, wuchs in Kaunas auf. Seine Eltern waren Sänger und Solisten am Staatlichen Musiktheater Kaunas; das Theater prägte seine Kindheit und später auch einen Teil seines literarischen und dramatischen Schaffens. Nach der Schulzeit kehrte er nach Vilnius zurück und studierte Kunstgeschichte und Kunsttheorie an der Kunstakademie Vilnius. Anschließend arbeitete er für die Kulturzeitschrift Krantai sowie die Wochenzeitung Literatūra ir menas.
Seit den 1990er-Jahren hat Kunčius ein umfangreiches Werk aus Romanen, Erzählungen, Essays, Theaterstücken, Hörspielen und Libretti veröffentlicht. Seine Prosa ist von postmodernen Erzählverfahren, Groteske und schwarzem Humor geprägt. Immer wieder setzt er sich mit der litauischen und sowjetischen Geschichte auseinander und untersucht dabei insbesondere das Verhältnis von Ideologie, Macht, Sprache und individueller Anpassung. Seine Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt; seine Theaterstücke werden an litauischen Bühnen aufgeführt.
Kunčius ist seit 2000 Mitglied des Litauischen Schriftstellerverbandes und war von 2011 bis 2015 Präsident des litauischen PEN-Zentrums. Für sein literarisches und kulturelles Schaffen erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Preis des Litauischen Kulturministeriums (2010), den Preis des Litauischen Schriftstellerverbandes (2016) und das Ritterkreuz des Ordens „Für Verdienste um Litauen“ (2016).
Zu seinen jüngeren Werken gehören Lietuviškos apybraižos (2018), Geležinė Stalino pirštinė (2019), Kolūkio metraščiai (2021) und Šaltasis karas (2023). Kolūkio metraščiai erscheint 2026 unter dem Titel Chroniken der Kolchose erstmals in deutscher Übersetzung.
Chroniken der Kolchose
Roman aus Litauen
Eine Kolchose in Sowjetlitauen – und ein Vorsitzender, der jeden politischen Wandel übersteht.
Vytautas ist überzeugter Kommunist, Stalinist, Kolchosvorsitzender und ein Mann mit einem bemerkenswerten Talent, sich den Zeitläuften anzupassen. Seit seiner Jugend steht er treu an der Seite der Sowjetmacht. Er erlebt Stalinismus und Tauwetter, Breschnews „reifen Sozialismus“, Andropows Disziplinierungskampagnen, Gorbatschows Perestroika und schließlich die litauische Unabhängigkeitsbewegung Sąjūdis. Während um ihn herum politische Gewissheiten zerfallen, hält Vytautas unbeirrbar an seiner ganz eigenen Vorstellung von Fortschritt fest.
Herkus Kunčius erzählt die Geschichte der Litauischen SSR aus der Perspektive eines Systems, das sich selbst für vernünftig, fortschrittlich und unfehlbar hält. Parteisprache und bürokratischer Größenwahn treffen auf Alkoholismus, Mangelwirtschaft, Gewalt, Opportunismus und einen Alltag, der sich den politischen Plänen hartnäckig widersetzt.
In grotesken Episoden lässt Kunčius die Geschichte Sowjetlitauens Revue passieren und begegnet dabei Stalin, Chruschtschow, Breschnew und Gorbatschow ebenso wie Parteifunktionären, Kolchosarbeitern, Priestern, Widerstandskämpfern und überzeugten Wendehälsen.
Chroniken der Kolchose ist eine bitterböse politische Satire über vier Jahrzehnte sowjetischer Herrschaft in Litauen – und die Geschichte eines Mannes, dessen unerschütterlicher Glaube an die jeweils richtige Wahrheit selbst den Untergang seines Staates überlebt.


Zum Übersetzer
Cornelius Hell, geboren 1956 in Salzburg, studierte Germanistik und katholische Theologie. Von 1984 bis 1986 war er Lektor für deutsche Sprache und österreichische Literatur an der Universität Vilnius. Während dieser Zeit begann er Litauisch zu lernen und legte damit den Grundstein für seine bis heute andauernde Beschäftigung mit der Literatur und Kultur Litauens.
Seit 1993 lebt Hell als freier Autor, Übersetzer und Literaturkritiker in Wien. Er übersetzt Prosa, Lyrik und Drama aus dem Litauischen und hat über mehrere Jahrzehnte Werke zahlreicher litauischer Autorinnen und Autoren ins Deutsche übertragen, darunter Tomas Venclova, Undinė Radzevičiūtė, Giedra Radvilavičiūtė, Romualdas Granauskas, Sigitas Parulskis und Renata Šerelytė. Neben seiner übersetzerischen Arbeit ist Hell als Essayist, Literaturkritiker und Rundfunkautor tätig und hatte Lehraufträge an mehreren österreichischen Universitäten. Von 2002 bis 2008 leitete er das Feuilleton der österreichischen Wochenzeitung Die Furche.
Für seine Vermittlung litauischer Literatur und Kultur wurde Hell vielfach ausgezeichnet.
2004 erhielt er den Preis des Litauischen Schriftstellerverbandes für seine Übersetzungen litauischer Lyrik und das Offizierskreuz des Ordens „Für Verdienste um Litauen“, 2010 den Hieronymus-Preis und 2015 die Auszeichnung des litauischen Kulturministeriums „Trage dein Licht und glaube“. Für sein übersetzerisches Gesamtwerk wurde ihm 2018 der Österreichische Staatspreis für literarische Übersetzung verliehen.
2025 erschien bei Mediathoughts Verlag seine Übersetzung der von Indrė Valantinaitė herausgegebenen Lyrikanthologie Aus dem Jerusalem des Nordens. Mit Herkus Kunčius’ Chroniken der Kolchose legt er 2026 eine weitere Übersetzung aus dem Litauischen vor.
